Darum geht‘s:
Seit wir über den Schwarzstorch am Schöneberge geschrieben haben, kam einiges zurück. Neben viel Zustimmung auch Kritik – manche davon pauschalisierend, manche sehr fundiert. Das nehmen wir ernst. Deshalb schauen wir hier genauer hin.
Mikroplastik: Aus Gramm wird Tonne
Ein Kommentar, der uns beschäftigt hat, lautete ungefähr so: Die Rotorblätter lösen sich durch Regen, Hagel und die hohen Geschwindigkeiten langsam auf. Dabei entsteht Mikroplastik, das in Böden und Gewässer gelangt – schon während des Betriebs, nicht erst am Ende.
Das klingt erstmal logisch. Rotorblätter drehen sich jahrzehntelang, die Blattspitzen erreichen Geschwindigkeiten von bis zu 360 km/h, Regen und Hagel prallen ständig dagegen. Dass dabei etwas abgerieben wird, ist tatsächlich richtig.
Was fehlt, ist die Größenordnung.
Eine Studie der Technischen Universität Dänemark aus dem Jahr 2024 hat genau das gemessen – und kommt für Onshore-Anlagen auf 8 bis 50 Gramm Materialverlust pro Rotorblatt und Jahr [1]. Eine Anlage hat drei Blätter. Das ergibt im schlechtesten Fall etwa 150 Gramm pro Windrad und Jahr. Für eine Anlage, die in diesem Jahr rund 20 Millionen Kilowattstunden Strom erzeugt.
Zum Vergleich: Das Fraunhofer-Institut UMSICHT hat berechnet, dass Kraftfahrzeuge in Deutschland jährlich 60.000 bis 100.000 Tonnen Reifenabrieb produzieren – rund ein Kilogramm pro Bundesbürger und Jahr [2]. Das ist keine Kritik am Auto, sondern eine Einordnung. Wer sich ernsthaft um Mikroplastik in der Umwelt sorgt, sollte wissen, wo die großen Quellen liegen.
Die dpa hat die Zahlen, die auf Social Media kursieren – teils wird von einer Tonne Mikroplastik pro Windrad die Rede –, 2025 geprüft und als „nicht belegt“ eingestuft [3]. Das Muster dahinter ist bekannt: Ein reales, aber winziges Phänomen wird ohne Größenordnung präsentiert. So entsteht ein Schreckbild, das mit der Wirklichkeit wenig zu tun hat.
Bleibt die Frage nach dem Recycling. Rotorblätter aus glasfaserverstärktem Kunststoff sind tatsächlich schwer zu recyceln – das ist eine echte Herausforderung, die die Branche ernsthaft beschäftigt. Neue Verfahren sind im Einsatz, neue Materialien in der Entwicklung. Kein gelöstes Problem. Aber kein ignoriertes.
Ein Baumsachverständiger fragt nach dem Boden
Dann war da noch ein anderes Feedback – ruhiger im Ton, fachlich präzise. Geschrieben von jemandem, der als Baumsachverständiger arbeitet und eine Frage stellt, die man sich merken sollte:
Wenn wir über Windkraft reden, reden wir fast immer über CO₂. Aber was ist mit dem Boden?
Er rechnet vor: Für die rund 35.000 seit 1990 errichteten Windräder in Deutschland werden überschlägig etwa 12.500 Hektar dauerhaft beansprucht. Das klingt abstrakt – gemeint sind Fundamente, Kranstellplätze, Zufahrtswege. Flächen, die versiegelt oder dauerhaft verdichtet werden.
Und dann kommt der Punkt, der wirklich sitzt: In einem funktionierenden Waldökosystem ist der Boden kein passiver Untergrund. Er ist ein komplexes Netz aus Pilzfäden, Bakterien, Würmern und Wurzeln – alles miteinander verbunden, alles aufeinander angewiesen. Mykorrhiza-Pilze etwa, die Bäume mit Nährstoffen versorgen, reagieren empfindlich auf Verdichtung und Versiegelung. Und wenn so ein Netz einmal gestört ist, kommt es nicht einfach zurück. Altwald-Arten, die für solche Strukturen typisch sind, breiten sich teils nur wenige Dezimeter pro Jahr aus. Wiederherstellung echter Altwald-Strukturen: Jahrhunderte, nicht Jahrzehnte.
Das stimmt. Das ist kein übertriebenes Argument. Das ist Ökologie. Aber …
Was der Vergleich zeigt
Die Dürrejahre 2018 bis 2020 haben in Deutschland rund 277.000 Hektar Waldfläche so stark geschädigt, dass sie wieder aufgeforstet werden muss [4]. Das entspricht mehr als dem 22-Fachen der gesamten Fläche, die seit 1990 durch Windräder in Deutschland dauerhaft beansprucht wurde.
Borkenkäfer, Trockenstress, Hitze – sie vernichten in wenigen Jahren genau die Waldstrukturen, für deren Entstehung es Jahrhunderte brauchte. Dieselben Mykorrhiza-Netze, dieselbe langsame Sukzession, denselben kaum ersetzbaren Altwald. Der Baumsachverständige hat vollkommen recht, wenn er sagt, dass das schützenswert ist. Die Frage ist nur: Was bedroht es am stärksten?
Ein Windrad beansprucht dauerhaft rund einen halben Hektar Waldboden [5]. Die Klimakrise, die es mitbekämpft, richtet Schäden an, die in einer anderen Größenordnung liegen – und die sich nicht in Jahrzehnten, sondern in Jahrhunderten bemessen lassen.
Das heißt nicht, dass jeder Standort passt. Oder dass Artenschutzgutachten überflüssig sind. Es heißt, dass wir beide Seiten der Waage brauchen – und dass die eine Seite ohne die andere keine ehrliche Abwägung ergibt.
Fledermäuse: echtes Problem, konkreter Schutz
Noch ein Punkt aus dem Feedback, der berechtigt ist: Fledermäuse. Sie sterben an Windrädern – nicht nur durch Kollisionen, sondern auch durch Druckveränderungen im Rotorbereich. Das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung hat das dokumentiert und forscht seit Jahren daran [6].
Deshalb ist Fledermausschutz heute fester Bestandteil jeder neuen Windkraft-Genehmigung. Der Betreiber SL Naturenergie schreibt auf seiner Website, dass künftig nur noch Anlagen genehmigt werden, die im „Fledermaus-freundlichen Betrieb“ laufen [7]. Konkret heißt das: akustische Erfassung der Fledermausaktivität in Gondelhöhe, und Abschaltung bei den Bedingungen, unter denen Fledermäuse besonders aktiv unterwegs sind – warme Nächte, schwacher Wind, Dämmerung. Bei stehendem Rotor passiert nichts.
Kein System ist perfekt. Aber es ist ein Unterschied, ob eine Anlage ohne Rücksicht läuft – oder ob sie mit Sensorik und Abschalttechnik betrieben wird, die auf den tatsächlichen Tierflug reagiert.
Was bleibt
Windräder greifen in Natur ein. Das ist wahr, und das wird so bleiben. Die Frage ist nicht ob – sondern im Vergleich wozu.
Eine ungebremste Klimakrise trocknet die Bäche aus, die der Schwarzstorch zum Fressen braucht. Sie tötet die Wälder, die Fledermäuse, Mykorrhiza-Netze und Altwald-Arten beheimaten. Sie macht genau das kaputt, was schützenswert ist – in einem Tempo und Ausmaß, das kein Windpark erreicht.
Schreckbilder, die auf übertriebenen oder falschen Zahlen beruhen, helfen dabei nicht weiter. Berechtigte Fragen nach Boden, Artenschutz und Ökosystemen schon – wenn man sie mit den richtigen Vergleichen beantwortet.
Quellen:
[1] Energie-Atlas Bayern – Mikroplastik und Windkraft (mit Verweis auf TU Dänemark 2024): https://www.energieatlas.bayern.de/erneuerbare-energien/windenergie/wissen/emissionen/mikroplastik
[2] Fraunhofer UMSICHT – Reifen- und Fahrbahnabrieb 2024: https://www.umsicht.fraunhofer.de/de/presse-medien/pressemitteilungen/2024/reifen-und-fahrbahnabrieb.html
[3] dpa-Faktencheck, November 2025: https://dpa-factchecking.com/germany/251104-99-532536/
[4] BMEL – Waldzustandserhebung 2020: https://www.bmel.de/waldzustand
[5] Fachagentur Wind und Solar – NRW: https://www.fachagentur-wind-solar.de/veroeffentlichungen/laenderinformationen/nordrhein-westfalen
[6] Leibniz-IZW – Forschung Fledermäuse und Windenergie: https://www.izw-berlin.de/de/forschung/abteilung-evolutionaere-oekologie/forschungsgruppen/fg-oekologie-und-management-von-fledermaeuse.html
[7] SL Naturenergie – Fakten zu Wind & Sonne: https://www.sl-naturenergie.com/fakten/


