Darum geht‘s:
Ein Schwarzstorch nistet in der Nähe der Baustelle – und schon liegt ein Teil der Arbeiten am neuen Windrad Schöneberge auf Eis. Mal wieder diskutiert Halver: Passt das eigentlich zusammen, Windkraft und Naturschutz? Wir sagen: Ja – aber es braucht Wissen, Ehrlichkeit und den Willen, beides ernst zu nehmen. Hier kommen die Fakten.
Was in Schöneberge gerade passiert – und warum das kein Skandal ist
LokalDirekt hat uns gefragt, wie wir die aktuellen Entwicklungen rund um das neue Windrad Schöneberge bewerten. Die kurze Antwort: gelassen und grundsätzlich positiv. Die längere Antwort? Die liest du gerade.
Der Betreiber SL Naturenergie baut dort eine Enercon E-175 – 162 Meter Nabenhöhe, Jahresertrag von rund 20 Millionen Kilowattstunden, das entspricht dem Strombedarf von etwa 7.000 Haushalten [1]. Während der Bauarbeiten stellte sich heraus: Ein Schwarzstorch-Paar brütet in der Nähe der geplanten Kabeltrasse.
Was danach passierte, war kein Chaos, sondern Rechtsstaat. Die Arbeiten an der Kabeltrasse ruhen vorerst – um das brütende Schwarzstorchpaar nicht zu gefährden. Genau so, wie es das Gesetz vorsieht. Grundlage: § 44 Abs. 1 Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG). Der verbietet, streng geschützte Tiere während der Brut- und Aufzuchtzeit zu stören oder zu gefährden [2].
Das ist kein Fehler im System. Das ist das System, das funktioniert.
Wer ist dieser Schwarzstorch – und wie gefährdet ist er wirklich?
Der Schwarzstorch (Ciconia nigra) ist der scheue Verwandte des Weißstorchs. Er brütet tief im Wald, braucht saubere Bäche als Nahrungsquelle und reagiert empfindlich auf Störungen. In ganz Deutschland leben 800 bis 900 Brutpaare [3], in NRW schätzt das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV) den Bestand auf rund 80 Paare [4].
Der Schwarzstorch steht auf der Roten Liste und ist durch die EU-Vogelschutzrichtlinie besonders geschützt. Er braucht unsere Aufmerksamkeit – keine Frage.
Aber: Windräder sind nicht sein Hauptproblem. Seine größten Feinde sind ausgetrocknete Bäche, intensiv bewirtschaftete Wälder und die Klimakrise. Die Dürrejahre ab 2018 haben die Brutbestände im deutschen Flachland deutlich geschwächt, weil Nahrungsgewässer versiegten [5]. Wer also den Schwarzstorch wirklich schützen will, muss auch die Klimakrise bekämpfen.
Und genau das ist der Kern des scheinbaren Widerspruchs.
Das „Aber ihr seid doch die Grünen!“-Argument – und was wirklich dahintersteckt
„Ihr wollt Naturschutz – und baut dann Windräder in den Wald?“ Diese Frage hören wir oft. In Halver, in Edelkirchen wenn’s um Freiflächen-PV geht, und eigentlich überall, wo erneuerbare Energien konkret werden statt abstrakt.
Die Frage klingt logisch. Sie ist es aber nur auf den ersten Blick.
Denn der Vergleich, den wir wirklich anstellen sollten, ist nicht: Windrad vs. unberührter Wald. Der echte Vergleich ist: Windrad vs. Klimakrise.
Und die Klimakrise ist das bei weitem größere Naturschutzproblem. Der Schwarzstorch braucht Feuchtigkeit. Er braucht Bäche, die Wasser führen. Er braucht Wälder, die nicht wegen Borkenkäfern und Dürre absterben. All das verliert er schneller durch eine ungebremste Erderwärmung als durch ein Windrad im Abstand von mehreren hundert Metern.
Wir haben also keine Wahl zwischen Windkraft und Naturschutz. Wir haben die Wahl zwischen Windkraft mit gutem Naturschutz – oder gar keinem Naturschutz mehr.
Fläche, Fakten, Vergleiche: Was ein Windrad wirklich braucht
Ein beliebtes Argument lautet: Windräder roden den Wald. Stimmt das?
Stimmt – aber in einem winzigen Ausmaß. Die Fachagentur Wind und Solar hat das ausgerechnet: Im Durchschnitt beansprucht eine Windkraftanlage im Wald dauerhaft etwa 0,47 Hektar baumfreie Fläche [6]. Das entspricht grob einem großen Supermarkt-Parkplatz.
Zum Vergleich:
- Die Dürrejahre 2018 bis 2020 hinterließen in Deutschland rund 277.000 Hektar Waldfläche, die wieder aufgeforstet werden muss [7] – das ist fast 600.000 Mal so viel wie ein einzelnes Windrad.
- Ein einziger Kilometer Bundesautobahn verbraucht rund 0,8 Hektar Fläche dauerhaft.
- Ein durchschnittlicher Golfplatz belegt 50 bis 70 Hektar – das Hundertfache eines Windrads.
- Alle rund 2.450 Wald-Windräder in Deutschland zusammen beanspruchen weniger als 0,01 Prozent der deutschen Waldfläche [8].
Windräder versiegeln also vergleichsweise wenig Boden. Der Mast steht, der Wald drumherum wächst weiter. Forstwirtschaft, Trockenheit und Insekten richten flächenmäßig deutlich mehr Schaden an.
Und was ist mit den Vögeln? Fliegen die nicht in die Rotoren?
Es stimmt: WEA können Vögel und Fledermäuse gefährden. Das ist kein Mythos, das ist Realität – und deshalb gibt es klare gesetzliche Regeln.
Für den Schwarzstorch gilt in NRW ein Prüfabstand von 3.000 Metern rund um bekannte Horste. Das heißt: Bevor ein Windrad genehmigt wird, muss dieser Radius auf mögliche Brutplätze untersucht werden [9]. Taucht ein Horst erst während der Bauphase auf – wie am Schöneberge –, greift § 44 BNatSchG, und die Behörde stoppt kritische Arbeiten bis nach der Brutzeit.
Dazu kommt moderne Technik: Kamera- und Radarsysteme können heute Vögel im Anflug erkennen und das Windrad automatisch abschalten – bevor es zu einem Zusammenstoß kommt [10]. Diese Systeme sind gesetzlich als wirksame Schutzmaßnahme anerkannt.
Selbst der NABU war bei einem konkreten Fall in Warstein-Sichtigvor (Kreis Soest) vor dem OVG Münster nicht erfolgreich: Das Gericht ließ die Windräder trotz eines Schwarzstorch-Horstes in 650 Metern Entfernung zu – weil ein wirksames Abschaltkonzept vorhanden war [11].
Fazit: Vogelschutz und Windkraft schließen sich nicht aus. Sie brauchen kluge Planung und klare Auflagen.
Was Halver von einem Windrad hat – in Euro und Cent
Naturschutz ist das eine. Aber reden wir auch über das, was oft unter den Tisch fällt: Windräder bringen Geld in die Kommune.
Seit 2021 verpflichtet das Erneuerbare-Energien-Gesetz Projektierer dazu, Kommunen im Umkreis von 2,5 Kilometern mit 0,2 Cent pro Kilowattstunde zu beteiligen [12]. Bei 20 Millionen kWh Jahresertrag – wie beim Windrad Schöneberge – wären das 40.000 Euro pro Jahr, direkt an die Stadt.
Dazu kommt Gewerbesteuer: 90 Prozent verbleiben in der Standortkommune. Und dann sind da noch Pacht für die Grundstückseigentümer sowie Bürgerbeteiligungsmodelle – wie beim geplanten Windrad am Munitionsdepot, das Mark-E und die Stadt Halver mit einem Nachrang-Darlehen-Modell für Bürger:innen entwickeln [13].
Eine Studie im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums zeigt: Die regionale Wertschöpfung durch Erneuerbare Energien könnte sich in Deutschland bis 2033 auf über 12 Milliarden Euro pro Jahr mehr als verdoppeln [14]. Das Modell funktioniert. Im Rhein-Hunsrück-Kreis finanziert die Gemeinde Mörsdorf mit 650 Einwohnern aus Windkrafterträgen kostenfreie Kitaplätze, eine eigene Grundschule und einen kostenlosen Bürgerbus.
Das ist keine grüne Utopie. Das ist Kommunalpolitik mit erneuerbarem Rückenwind.
Kein Entweder-oder – sondern Haltung mit Hirn
Windkraft und Naturschutz: Das ist kein Widerspruch, den wir auflösen müssen. Es ist eine Aufgabe, die wir gemeinsam lösen können – wenn wir faktenbasiert und ehrlich miteinander reden.
Der Schwarzstorch am Schöneberge zeigt nicht, dass das Windrad falsch geplant war. Er zeigt, dass unser Rechtssystem funktioniert. Dass Behörden eingreifen. Dass Bauzeiten angepasst werden. Und dass man am Ende trotzdem Strom für 7.000 Haushalte erzeugen kann – ohne den Vogel zu gefährden.
Das ist der Spagat, den wir jeden Tag üben. Wir werden dabei nicht immer perfekt sein. Aber wir werden ihn nicht aufgeben.
Fragen von Lokal Direkt und unsere Antworten
Wenn du den genauen Wortlaut unserer Antwort an Lokal Direkt nachlesen möchtest, kannst du das hier tun.
Quellen:
[1] SL Naturenergie – Projektseite Schöneberge: https://www.sl-naturenergie.com/projekte/
[2] Bundesnaturschutzgesetz § 44: https://www.gesetze-im-internet.de/bnatschg_2009/__44.html
[3] BMUV – Lage der Natur 2020: https://www.bmuv.de/themen/naturschutz/biologische-vielfalt/zustand-der-natur/lage-der-natur
[4] LANUV NRW – Schwarzstorch Artensteckbrief: https://artenschutz.naturschutzinformationen.nrw.de
[5] NLWKN – Schwarzstörche in den Landesforsten: https://www.landesforsten.de/nlf-spezial/schwarzstoerche/
[6] Fachagentur Wind und Solar – NRW: https://www.fachagentur-wind-solar.de/veroeffentlichungen/laenderinformationen/nordrhein-westfalen
[7] BMEL – Waldzustandserhebung 2020: https://www.bmel.de/waldzustand
[8] Recht energisch – Flächenverbrauch WEA im Wald (2025): https://recht-energisch.de/2025/08/01/windkraftanlagen-im-wald-wie-stark-ist-der-flaechenverbrauch/
[9] NRW-Leitfaden Modul A (12.04.2024): https://artenschutz.naturschutzinformationen.nrw.de/artenschutz/web/babel/media/24_04_12_nrw-leitfaden%20windenergie%20arten-%20und%20habitatschutz_modul%20a_inkl.%20runderlass%20(versendet).pdf
[10] BNatSchG § 45b – Betrieb von Windenergieanlagen: https://www.gesetze-im-internet.de/bnatschg_2009/__45b.html
[11] Energie und Management – NABU vs. Windrad Warstein: https://www.energie-und-management.de/nachrichten/recht/detail/nabu-kommt-mit-schwarzstorch-nicht-gegen-windrad-an-233550
[12] EEG 2021 § 6 – Beteiligung der Kommunen: https://www.gesetze-im-internet.de/eeg_2014/__6.html
[13] LokalDirekt – Windkraft am Munitionsdepot: https://lokaldirekt.de/news/windkraft-am-munitionsdepot-mark-e-und-stadt-halver-praesentieren-planungen
[14] IÖW – Regionale Wertschöpfung durch Erneuerbare Energien: https://www.ioew.de/news/article/ausbau-erneuerbarer-energien-wertschoepfung-in-den-regionen-koennte-sich-bis-2033-verdoppeln

