Radweg Bahntrasse Halver: Warum wir Nein gesagt haben – und was dahintersteckt

Foto von Martin Donat von der Radweg Bahntrasse Halver

Der Stadtrat Halver hat am 2. März 2026 entschieden: Die Asphaltierung vom Radweg Bahntrasse Halver Richtung Anschlag kommt nicht. Auch wir Grünen haben dagegen gestimmt. Und ja – wir wissen, was viele gerade denken: „Wie bitte? Die Grünen sind gegen einen Radweg?“ In diesem Beitrag wollen wir dir das kurz erklären. Denn diese Entscheidung war gar nicht so einfach.

Radweg Bahntrasse Halver – Was überhaupt geplant war

Reel: Martin Donat

Die Radweg Bahntrasse Halver – Anschlag ist ein beliebter Geh- und Radweg. Schön gelegen, mitten in der Natur, nahe am Quellgebiet der Ennepe. Das Problem: Zwei Brückenbauwerke auf der Strecke sind seit Jahrzehnten marode. Die Gewölbebrücke „Bolsenbach“ muss dringend saniert werden, das Brückenbauwerk „Ehberg“ ist so weit abgängig, dass es abgerissen und neu gebaut werden müsste.

Die Verwaltung ließ eine Machbarkeitsstudie erstellen. Ergebnis: Man könnte die Brücken sanieren – und gleichzeitig die gesamte Trasse asphaltieren. 2,5 Meter breit, durchgehend Asphalt, inklusive Anbindung Richtung Innenstadt. Finanziert über die Förderrichtlinie Nahmobilität des Landes NRW (FöRi-Nah), die bis zu 80 % der Baukosten übernehmen kann [1][2].

Klingt nach einem guten Deal? Auf den ersten Blick schon. Aber schau mal genauer hin.

Knapp 1,5 Millionen Euro – und wer zahlt die wirklich?

Die Kostenschätzung liegt bei rund 1,48 Millionen Euro brutto [3]. Mit einer Förderung von 80 % bliebe für die Stadt ein Eigenanteil von etwa 296.000 Euro. Das klingt erstmal überschaubar.

Aber: Kostenschätzungen für Bauprojekte dieser Art sind immer eine Momentaufnahme. Bauprojekte werden selten günstiger. Materialkosten, Vergabeprobleme, unvorhergesehene Baugrundprobleme: Das alles kann den Eigenanteil der Stadt empfindlich in die Höhe treiben. Und das in einer Zeit, in der Halver finanziell ohnehin unter erheblichem Druck steht.

Und dann ist da noch der Steuerzahler – nicht nur in Halver, sondern in ganz NRW. Auch Fördergelder sind öffentliche Mittel. Die Frage, ob sie hier sinnvoll und verantwortungsvoll eingesetzt wären, bleibt berechtigt.

Das Förderprogramm – und was es eigentlich fördern will

Die FöRi-Nah, also die Förderrichtlinie Nahmobilität des Landes NRW, hat ein klares Ziel: Sie soll Menschen dazu bringen, das Auto stehen zu lassen. Gefördert werden Maßnahmen, die geeignet sind, Alltagswege sicherer und attraktiver zu machen – also Wege, die Pendler nutzen, um zur Arbeit zu kommen, Kinder, um zur Schule zu fahren [1][4].

Die Radweg Bahntrasse Halver – Anschlag ist schön. Sie ist naturnah. Sie wird gern genutzt – zum Spazierengehen, zum Wandern, zum entspannten Radfahren. Aber ein Alltagspendlerweg? Das ist sie in erster Linie nicht. Ganz oben auf der Halveraner Prioritätenliste für den Radwegebau stehen der Pendlerradweg Richtung Oberbrügge und der Weg ins Gewerbegebiet Oeckinghausen. Das sind Verbindungen, die täglich gebraucht werden – im Berufsverkehr, bei Wind und Wetter.

Die Frage ist also angebracht: Passt diese Maßnahme wirklich ins Zielbild eines Programms, das Alltagsmobilität stärken soll?

Was viele wollen – und was Asphalt verändert

Wer die Diskussion im Ausschuss verfolgt hat oder die Reaktionen in der Nachbarschaft kennt, weiß: Ein Großteil der HalveranerInnen möchte die Bahntrasse so erhalten, wie sie ist [5]. Als Ort zum Spazierengehen, Joggen, gemütlichen Radeln. Mit Schotter oder wassergebundener Decke, nicht mit Asphalt.

Das sind subjektive Wünsche, die aber Gründe haben: Asphalt verändert eine Strecke. Er lädt dazu ein, schneller zu fahren – ob Rennrad, E-Bike oder Inline-Skates. Was heute ein ruhiger Begegnungsort für Spaziergänger und Radfahrer ist, könnte sich zu einer Strecke mit deutlich höherem Konfliktpotenzial entwickeln. Hundehalter, Familien mit Kinderwagen, ältere Menschen – sie alle teilen sich den Weg heute gut miteinander. Das muss nicht selbstverständlich bleiben, wenn die Geschwindigkeiten steigen.

Und die Ökologie?

Hier müssen wir ehrlich sein – auch wenn es uns als Grüne nicht leichtfällt, das so zu sagen: Das Argument „Asphalt ist ökologisch schlechter als wassergebundene Decke“ ist wissenschaftlich nicht so eindeutig, wie es klingt. Mehrere Studien zeigen, dass asphaltierte Radwege im Außenbereich keine klassische Bodenversiegelung darstellen, weil Regenwasser seitlich versickert [6].

Was bleibt: Die ökologischen Auswirkungen auf das direkte Umfeld – nahe am wertvollen Quellgebiet der Ennepe – sind nicht abschließend geprüft. Und der optische Eingriff in eine naturnahe Landschaft ist real. Dass die Verwaltung im Ausschuss sagte, die Radweg Bahntrasse Halver sei „ökologisch sowieso schon kompromittiert“, weil sie eine alte Bahnlinie ist, stimmt – aber es ist auch kein Freifahrtschein für jeden Eingriff.

Offene Fragen bleiben offene Fragen. Und die muss man sowieso erst klären, bevor man baut.

Die Brücken – geht es auch ohne Asphalt?

Ja. Das ist der entscheidende Punkt. Die beiden Brückenbauwerke können auch unabhängig von einer Gesamtasphaltierung saniert werden. Die Kosten dafür liegen bei etwa 440.000 Euro – ein erheblicher Unterschied zu 1,48 Millionen Euro für das Gesamtpaket, auch wenn es für die Stadt mangels Förderung auf den ersten Blick teurer wäre.

Ob und wie eine separate Förderung für die Brücken möglich wäre, war im Rat eine offene Frage. Aber sie ist schlicht noch nicht ausreichend verfolgt worden. Das wäre ein sinnvoller nächster Schritt: Prüfen, ob die Brücken auf einem anderen Weg in Ordnung gebracht werden können – ohne dass dafür die ganze Trasse unter Asphalt verschwindet.

Man könnte sogar noch einen Schritt weitergehen und prüfen (lassen), ob es nicht ganz ohne Brücken geht und was eine solche Lösung kosten würde.

„Wenn wir die Förderung nicht nehmen, ist sie weg“

Dieses Argument hört man oft. Und es stimmt – es gibt immer nur ein bestimmtes Zeitfenster für solche Anträge. Aber es ist auch ein bisschen wie beim Schlussverkauf: Nur weil etwas gerade günstiger ist, heißt das noch lange nicht, dass man es braucht.

Fördergelder sind kein Selbstzweck. Sie existieren, um gute Projekte zu ermöglichen – nicht, um Projekte zu rechtfertigen, die sonst niemand gemacht hätte. Wenn das richtige Projekt nicht das geförderte Projekt ist, dann ist es manchmal die klügere Entscheidung, zu warten und die Energie in die Projekte zu stecken, die wirklich gebraucht werden.

Was wir wollen – und warum wir trotzdem für Radwege sind

Damit kein Missverständnis entsteht: Wir Grünen in Halver wollen Radwege. Dringend sogar. Radfahren muss in Halver sicherer, attraktiver und alltagstauglicher werden. Aber genau deshalb haben wir im „Arbeitskreis Radwege“ der Stadt Halver eine Prioritätenliste erarbeitet. Und ganz oben stehen die Verbindungen, die PendlerInnen täglich brauchen – nicht die Freizeitroute, die schon heute befahrbar ist.

Knapp 1,5 Millionen Euro für ein Projekt auszugeben, das nicht ganz oben steht, das die Mehrheit der Bevölkerung in dieser Form nicht möchte und das ökologische Fragen offenlässt – das wäre keine grüne Entscheidung gewesen. Sondern eine bequeme.

Deswegen haben wir Nein gesagt. Nicht gegen Radwege. Sondern für die richtigen.

Hast du Fragen zu unserer Entscheidung oder Anmerkungen? Schreib uns gern, oder besuch uns in unserer Grünen Sprechstunde an jedem ersten Mittwoch im Monat im Denkhof an der Frankfurter Straße – wir stehen dir gern Rede und Antwort.

Quellen:

[1] Förderrichtlinien Nahmobilität NRW – Umwelt.NRW

[2] Bezirksregierung Düsseldorf – FöRi-Nah, aktuelle Fördersätze

[3] Beschlussvorlage Stadt Halver, VL-80/2026, Kostenschätzung Radweg Bahntrasse (Ratsdokument, intern)

[4] NRW.BANK – Förderrichtlinien Nahmobilität, Fördervoraussetzungen

[5] LokalDirekt – 1,3 Millionen Euro für Rad- und Gehweg: Halver diskutiert Bahntrassen-Projekt

[6] ADFC Brandenburg – Ökologische Vorteile von gebundenen Radwegdecken