In der Nacht zum 25. März 2026 rollte der erste von 152 Castor-Behältern von Jülich nach Ahaus – mitten durch NRW, mitten durch die Nacht. Radioaktiver Müll auf der Straße, weil es noch immer kein sicheres Endlager gibt. Für uns Grüne ist das kein Zufall. Es ist das Ergebnis jahrzehntelanger verfehlter Atompolitik. Und es ist der perfekte Moment, die hartnäckigsten Atomstrom Mythen auf den Prüfstand zu stellen.
Darum geht‘s:
Der Castor rollt – und die Verantwortung liegt beim Bund
152 Castor-Behälter mit abgebrannten Brennelementen aus dem Forschungsreaktor Jülich müssen weg. Das Zwischenlager dort ist seit 2013 ohne Genehmigung. Eine vernünftige Lösung – ein neues Lager direkt in Jülich – scheiterte am Bund. Das Land NRW war bereit, Flächen bereitzustellen und Mehrkosten mitzutragen. Doch der Bund entschied sich für die billigere Option: den Transport [1].
Norika Creuzmann, anti-atompolitische Sprecherin der Grünen Landtagsfraktion, macht klar, worum es geht: „Der Bund steht in der Verantwortung, endlich ein schlüssiges und belastbares Gesamtkonzept für die Zwischen- und Endlagerung von Atommüll vorzulegen.“ Und weiter: „Die Castor-Transporte quer durch Nordrhein-Westfalen sind das Ergebnis solcher verfehlten bundespolitischen Entscheidungen.“
Bis wann es ein Endlager geben wird? Laut aktuellen Berichten möglicherweise erst in den 2070er-Jahren [1]. Das ist kein Plan. Das ist das Verschieben eines gigantischen Problems auf künftige Generationen.
Und selbst wenn so ein Lager endlich steht: So eine richtig coole Lösung ist das auch nicht. Prof. Volker Quaschning bringt das Endlagerproblem auf den Punkt – mit einem Vergleich, der sitzt: „Wenn die Dinosaurier ein Endlager gebaut hätten, müsste es auch heute noch intakt sein. Seitdem haben sich Kontinente verschoben, Eiszeiten kamen und gingen.“
Kein menschliches Bauwerk übersteht Jahrmillionen. Kein Geologe der Welt kann das garantieren. Und trotzdem produzieren wir munter weiter Abfall, für den es bis heute keine Lösung gibt.
Mythos 1: „Atomstrom ist klimafreundlich“
Das klingt erstmal plausibel: Im Betrieb stößt ein Atomkraftwerk wenig CO₂ aus. Aber damit endet die Geschichte noch lange nicht.
Wer die gesamte Kette betrachtet – vom Uranabbau über Brennelementeherstellung, Kraftwerksbau und -rückbau bis zur Endlagerung – kommt auf einen deutlich anderen Wert. Das Umweltbundesamt rechnet für Deutschland mit rund 68 Gramm CO₂-Äquivalenten pro Kilowattstunde Atomstrom. Windkraft an Land kommt auf gerade mal 10 Gramm [11].
Dazu kommt: Uran ist ein endlicher, nicht erneuerbarer Rohstoff. Bei gleichbleibendem Verbrauch reichen die weltweiten Vorräte noch rund 70 Jahre. Sollten alle aktuell geplanten AKW-Neubauten weltweit tatsächlich gebaut werden, wäre das Uran in gerade mal 18 Jahren aufgebraucht [2]. Das klingt nicht wirklich nach Zukunftsstrategie.
Und dann wäre da noch die Klimaabhängigkeit: Bei Hitzewellen und Niedrigwasser müssen Atomkraftwerke gedrosselt werden – oder gehen ganz vom Netz. Ausgerechnet dann, wenn Energie am meisten gefragt ist.
Für uns Grüne war immer klar: Die Castor-Behälter auf NRW-Straßen sind auch ein Warnruf an alle, die gerade wieder laut „Renaissance der Kernenergie“ rufen. Denn die CO₂-Bilanz sieht nur dann gut aus, wenn man die unbequemen Teile der Kette einfach weglässt.
Mythos 2: „Atomstrom ist günstig“
Das ist vielleicht der hartnäckigste aller Atomstrom Mythen. Aber warum hält er sich so zäh?
Die Antwort ist simpel: Jahrzehntelanger Lobbyismus der Atomindustrie hat das Bild geprägt. Und der Blick auf Frankreich tut sein Übriges – dort zahlen Verbraucher scheinbar wenig für Strom. Was dabei gern vergessen wird: Der französische Preis ist staatlich gedeckelt. Der Staatskonzern EDF hat dadurch einen Schuldenberg von mehr als 50 Milliarden Euro angehäuft [12]. Statt über die Stromrechnung werden die Franzosen über kurz oder lang über ihre Steuern dafür zahlen müssen. Günstiger Atomstrom ist also eine Illusion – bezahlt wird er nur an einer anderen Stelle.

Schauen wir auf die echten Zahlen: Eine Megawattstunde Strom aus einem neuen Atomkraftwerk kostete 2024 rund 182 US-Dollar. Windenergie kommt auf 50, Solarenergie auf 61 US-Dollar [3]. Atomstrom ist also ungefähr dreimal so teuer wie Strom aus erneuerbaren Energien.
Ein konkretes Beispiel: Das AKW Flamanville in Frankreich – ursprünglich auf 3,3 Milliarden Euro veranschlagt, nach 17 Jahren Bauzeit und Ende 2024 endlich in Betrieb: für 23,7 Milliarden Euro [4]. Das Siebenfache der ursprünglichen Schätzung. Ähnliches Bild in Großbritannien: Hinkley Point C sollte 16 Milliarden Pfund kosten, die aktuelle Schätzung liegt bei 32 Milliarden [5].
Die Atomindustrie hat seit den 1950er Jahren allein in Deutschland rund 287 Milliarden Euro an staatlichen Subventionen erhalten [2]. Bundesumweltminister Carsten Schneider bringt es auf den Punkt: „Wenn eine Risiko-Technologie nach einem dreiviertel Jahrhundert noch immer am staatlichen Tropf hängt und es längst bessere Alternativen gibt, sollte man daraus Konsequenzen ziehen.“ [6]
Mythos 3: „Mini-AKW sind die Lösung der Zukunft“
Beim Atomenergie-Gipfel in Paris bezeichnete EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen die Abkehr von der Atomkraft als „strategischen Fehler“ – und setzte auf sogenannte Small Modular Reactors (SMR), also Mini-Atomkraftwerke [6]. Klingt modern. Ist es aber nicht.
Das amerikanische Unternehmen NuScale wollte bis 2028 in Idaho den ersten SMR ans Netz bringen. Das Projekt scheiterte – zu teuer. Statt 5,3 Milliarden hätte es mindestens 9 Milliarden Dollar gekostet, die Kunden sprangen ab [7]. Und das ist kein Einzelfall. Laut einer Studie des Bundesamtes für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung müssten erst rund 3.000 Mini-Meiler gebaut werden, bevor die Technik sich rechnet [7]. Bislang gibt es weltweit keinen einzigen kommerziell betriebenen SMR.
Aber selbst wenn es irgendwann so weit wäre: Wer will so ein Mini-AKW eigentlich in seiner Nähe haben? Jeder kleine Reaktor bräuchte dieselben Sicherheitsvorkehrungen wie ein großes AKW: permanente Bewachung, aufwendige Genehmigungen, Schutz vor Anschlägen. Das Beispiel des AKW Saporischschja in der Ukraine zeigt, was passiert, wenn Atomkraftwerke in Konflikte geraten [8]. Das ist kein theoretisches Risiko mehr.
Das Sankt-Florians-Prinzip – also „von mir aus, aber bitte woanders“ – gilt übrigens auch für Mini-Reaktoren. Der BDI, also der Industrieverband, nennt die Debatte um eine Rückkehr zur Atomkraft schlicht „Zeitverschwendung“. Und die ehemaligen deutschen AKW-Betreiber RWE, E.ON und EnBW haben allesamt eine Reaktivierung ihrer Anlagen abgelehnt. Zu teuer, zu komplex, kein qualifiziertes Personal mehr vorhanden [13].
Und wer zahlt, wenn’s schiefgeht?
Hier kommt ein Punkt, der in der öffentlichen Debatte kaum vorkommt – aber eigentlich alles sagt.
Kein privater Versicherer der Welt übernimmt das volle Risiko eines Atomkraftwerks [7]. In Deutschland waren AKW-Betreiber mit gerade einmal 256 Millionen Euro pro Block über eine klassische Haftpflichtversicherung abgesichert – der Rest bis 2,5 Milliarden Euro kam aus einem Solidarvertrag der Betreiber untereinander. Der mögliche Schaden bei einem Super-GAU in Mitteleuropa? Französische Berechnungen schätzen ihn auf rund 530 Milliarden Euro [9].
Alles, was darüber hinausgeht, trägt laut Atomgesetz der Bund – also wir alle als Steuerzahlerinnen und Steuerzahler. Die Gewinne waren privat. Das Risiko ist gesellschaftlich. Atomstrom ohne staatliche Risikoübernahme wäre schlicht nicht finanzierbar.
Die Erneuerbaren liefern – schon jetzt
Während über Atomstrom Mythen debattiert wird, macht Deutschland einfach weiter mit der Energiewende. 2025 stammten rund 58,6 Prozent des in Deutschland erzeugten Stroms aus erneuerbaren Quellen [14]. Im zweiten Quartal 2025 erreichten die Erneuerbaren sogar einen neuen Rekordquartalswert: 67,5 Prozent der Stromerzeugung [15] – und das ohne ein einziges Atomkraftwerk.
Solarstrom erzielte 2025 gleich mehrere Jahres-Höchstwerte, Wind bleibt die stärkste einzelne Energiequelle [14]. Gleichzeitig liegen die Stromgestehungskosten für bereits laufende Anlagen in Deutschland bei 3 bis 6 Cent pro Kilowattstunde für Solarstrom und 4 bis 8 Cent für Onshore-Wind [16] – also deutlich unter den Kosten für Neubauten, die bei den oben genannten internationalen Vergleichswerten angesetzt sind. Weltweite Vergleichsdaten zeigen: 2024 flossen 728 Milliarden US-Dollar in neue Wind- und Solarkapazitäten – das 21-Fache der Investitionen in Kernenergie [4].

Genau jetzt, wo Deutschland beim Ausbau der Erneuerbaren Fahrt aufnimmt, plant Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche das Gegenteil: Die EEG-Novelle soll die feste Einspeisevergütung für kleine Solaranlagen streichen, das sogenannte Netzpaket Entschädigungen für abgeregelte Wind- und Solaranlagen kürzen. Die Präsidentin des Bundesverbandes Erneuerbare Energie warnt vor einem Einbruch beim Ausbau von bis zu 80 bis 90 Prozent [17]. Stattdessen plant Reiche den Bau neuer Gaskraftwerke mit 20 Gigawatt Leistung – Anlagen, die Deutschland erneut langfristig von teuren Energieimporten abhängig machen. Unser Grünen-Chef Felix Banaszak nennt das direkt ein „Sicherheitsrisiko für Deutschland“ [17]. Ausgerechnet jetzt, wo fossile Energien wegen der Lage im Nahen Osten wieder durch die Decke gehen, ist das der denkbar falsche Kurs.
Und die Industrie? Selbst der BDI hält nichts von einem AKW-Comeback in Deutschland. RWE-Chef Markus Krebber sagt es deutlich: „Ein Neubau dauert bis zu zehn Jahre oder mehr.“ Ob neue Technologien wie SMR sich jemals rechnen, sei offen [13]. Das sind keine grünen Aktivisten. Das sind die Menschen, die diese Kraftwerke früher betrieben haben.
Der Castor mahnt – die Zukunft gehört den Erneuerbaren
152 Castoren auf NRW-Straßen, ein Endlager das womöglich erst 2070 kommt, Baukosten die sich verfünf- bis versiebenfachen, kein Versicherer der Welt der das volle Risiko trägt – und Betreiber, die selbst keine Lust mehr auf Atomkraft haben. Das sind die Fakten hinter den Atomstrom Mythen. Wer trotzdem laut „Renaissance der Kernenergie“ ruft, hat entweder die Rechnung nicht gesehen – oder zieht bewusst die Augen zu.
Quellen:
[2] BUND Baden-Württemberg – Atomkraft und Klimaschutz
[3] Heinrich-Böll-Stiftung – Atomstrom ist teuer und keine Lösung
[4] Klimareporter – Atomkraft zwischen Rekord und Rückzug
[5] Maschinenring – Ist Atomstrom wirklich günstiger? Ein Faktencheck
[6] ZDF heute – Von der Leyen und der Atomenergie-Gipfel Paris
[7] Greenspotting – Mini-Reaktoren sind teuer, unsicher und vor Ort nicht durchsetzbar
[8] GLOBAL 2000 – Faktencheck: Moderne Atomkraftwerke und Mini-Reaktoren
[9] Forschung und Wissen – Wie teuer wäre eine Haftpflichtversicherung für ein AKW?
[10] Prof. Volker Quaschning – Endlager machen Atomstrom teuer
[11] Öko-Institut – Faktencheck Kernenergie: CO₂, Kosten, Sicherheit
[12] Ørsted/Energiewinde – Mythen der Energiewende: Die Mär von der günstigen Atomenergie
[13] LBBW Research / ZDF – Deutsche AKW-Betreiber lehnen Reaktivierung ab
[14] Statistisches Bundesamt – Stromerzeugung 2025
[15] SMARD – Strommarkt im 2. Quartal 2025
[16] Wegatech – Stromgestehungskosten Solar und Wind
[17] Handelsblatt / BEE – Erneuerbaren-Branche kritisiert Reiches Reformpläne

